Gesund essen ist ein gutes Ziel. Bei manchen jungen Erwachsenen kippt es aber: Die Regeln werden strenger, die Liste der «erlaubten» Lebensmittel kürzer, und Essen mit anderen wird zum Stress. Dafür wird oft das Wort Orthorexie verwendet.
Dieser Artikel ordnet das Thema vorsichtig ein. Wir haben Zusammenfassungen von Übersichtsarbeiten und Studien aus PubMed gelesen. Er ist keine Diagnose und keine Therapie und ersetzt keine ärztliche Beratung. Er richtet sich an junge Erwachsene in der Schweiz und an Menschen in ihrem Umfeld.
Was ist Orthorexie, und was nicht?
Mit Orthorexie (in der Forschung «Orthorexia nervosa») ist eine zwanghafte Beschäftigung mit gesundem und «reinem» Essen gemeint. Anders als bei klassischen Essstörungen geht es weniger um die Menge, sondern um die Qualität der Lebensmittel.
Eine Übersichtsarbeit zu Meta-Analysen hält fest, dass Orthorexie in den grossen psychiatrischen Diagnosesystemen derzeit nicht anerkannt ist. Das erschwert Erkennung und Abklärung. Neuere Messinstrumente würden den Fokus auf Reinheit der Nahrung statt auf Gewichtskontrolle betonen (Moccia et al., 2025).
Eine Auswertung von 22 Übersichtsarbeiten kommt zum Schluss, dass die Diagnose schwierig ist. Die Autoren sehen ein Spektrum von normal bis auffällig und von funktional bis beeinträchtigend (Ng et al., 2024). Interesse an gesunder Ernährung allein ist also kein Warnzeichen.
Auch eine bestimmte Ernährungsform ist kein Hinweis. Wer sich pflanzenbetont ernährt, Zutatenlisten liest oder Mahlzeiten vorbereitet, handelt oft ganz gelassen. Entscheidend ist nicht, was du isst, sondern wie viel Raum die Regeln in deinem Leben einnehmen und wie du dich dabei fühlst.
Das wichtigste Kriterium ist die Belastung. Fachleute fragen, ob das Essverhalten Alltag, Beziehungen oder Wohlbefinden einschränkt. Eine Übersicht für Jugendliche und junge Erwachsene nennt strenge Einschränkungen der Ernährung und negative Folgen für soziale Beziehungen als mögliche Merkmale (Gkiouleka et al., 2022).
Woran erkennst du im Alltag mögliche Warnzeichen?
Die folgende Tabelle ist kein Test und keine Diagnose. Sie hilft dir, deinen Alltag zu beobachten. Nur eine Fachperson kann beurteilen, ob ein Problem vorliegt.
| Bereich | Eher unauffällig | Mögliches Warnzeichen |
|---|---|---|
| Regeln | Du hast Vorlieben und passt sie flexibel an | Strenge Regeln, die du nicht brechen darfst, ohne Schuldgefühle zu haben |
| Lebensmittel | Du isst abwechslungsreich | Die Liste «verbotener» Lebensmittel wächst stetig |
| Soziales | Du isst gern mit anderen, auch im Fitnessstudio-Umfeld, in der Mensa oder auf Reisen | Du meidest Einladungen, Lehrlingsessen oder Ferien, weil du nicht kontrollieren kannst, was auf den Tisch kommt |
| Gedanken | Essen ist ein Thema unter vielen | Du denkst einen grossen Teil des Tages über Zutaten und Reinheit nach |
| Gefühle | Ein Ausrutscher ist egal | Ein Ausrutscher löst Scham, Angst oder Selbstvorwürfe aus |
| Gesundheit | Du fühlst dich meist energiegeladen | Du bist oft müde, gereizt oder hast Beschwerden, bleibst aber bei den Regeln |
Ein einzelnes Merkmal sagt wenig. Wichtig ist, ob mehrere zusammenkommen und über längere Zeit bestehen. Bei Unsicherheit ist die Hausarztpraxis eine gute erste Adresse.
Wie häufig ist Orthorexie, und was sagen die Zahlen wirklich?
In Medien kursieren hohe Prozentzahlen. Sie stammen meist aus Fragebögen, nicht aus Diagnosen. Das ist ein wichtiger Unterschied.
Eine Meta-Analyse mit Studien aus 18 Ländern fand mit dem Fragebogen ORTO-15 bei 27,5 Prozent der Teilnehmenden Symptome. Bei Sportlern und Fitnesspraktizierenden lag der Wert höher, bei 34,5 Prozent. Die Autoren warnen vor Fehlschlüssen, weil auch eine umgekehrte Ursache möglich ist (López-Gil et al., 2023).
Eine weitere Meta-Analyse zu Menschen, die Sport treiben, berichtet eine Häufigkeit von 55,3 Prozent. Gleichzeitig war die Streuung zwischen den Studien riesig, und die Messinstrumente beeinflussten die Ergebnisse deutlich (Hafstad et al., 2023).
Die Übersicht von 22 Reviews erklärt, warum: Der Fragebogen ORTO-15 und seine Varianten sind weit verbreitet, aber ihre Verwendung wird nicht empfohlen. Sie messen die Krankheit nicht genau (Ng et al., 2024).
Was heisst das für dich? Die Zahlen zeigen, dass das Thema viele beschäftigt. Sie zeigen nicht, wie viele junge Menschen tatsächlich erkrankt sind. Aus «27,5 Prozent mit Symptomen im Fragebogen» wird kein «jede vierte Person ist krank».
Welche Rolle spielen Social Media, Sport und Perfektionismus?
Orthorexie hat keine einzelne Ursache. Die Forschung beschreibt Zusammenhänge, und sie sind nicht in jedem Fall gleich.
Die Übersicht der Meta-Analysen nennt Zusammenhänge mit zwanghaftem Sport, Symptomen von Essstörungen, zwanghaften Persönlichkeitszügen und Perfektionismus. Die Befunde seien eher Hinweise als gesicherte Erkenntnisse (Moccia et al., 2025).
Auch Social Media wurde untersucht. In einer Querschnittsstudie mit 651 jungen Menschen an einer Universität stieg der Orthorexie-Wert mit stärkerer Social-Media-Abhängigkeit leicht an (r = 0,150). Auch Gewichts-Selbststigmatisierung hing mit höheren Werten zusammen (Toğuç und Hökelek, 2025).
Solche Studien erfassen einen Zeitpunkt. Sie belegen nicht, dass Social Media Orthorexie verursacht. Möglich ist auch, dass Menschen mit mehr Sorgen um Essen mehr entsprechende Inhalte suchen. Aus der Praxis wissen wir: Wer ständig Regeln, Ideale und Verbote sieht, vergleicht sich schneller. Das bleibt eine Einschätzung und kein Studienergebnis.
Für den Umgang mit Videos zu Essen und Fitness hilft dir ein geübter Blick auf Quellen. Mehr dazu in unseren Beiträgen Ernährungsmythen im Fitnessbereich und Nahrungsergänzungsmittel und soziale Medien.
Was kannst du tun, wenn du dich oder jemanden wiedererkennst?
Der wichtigste Schritt ist, nicht allein zu bleiben. Du musst nicht sicher wissen, ob es «Orthorexie» heisst. Es reicht, dass dich dein Essverhalten belastet.
- Sprich mit deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt. Sie oder er kann Beschwerden abklären und dich an passende Fachpersonen weiterleiten.
- Suche eine Fachstelle oder psychologische Fachperson, die sich mit Essproblemen auskennt. Die Hausarztpraxis kann dir Adressen nennen.
- Wenn du dich allein fühlst oder jemanden zum Reden brauchst: In der Schweiz erreichst du die Nummer 147 für Jugendliche und die Nummer 143 der Dargebotenen Hand rund um die Uhr.
Machst du dir Sorgen um Freundin, Freund oder Mitglied deines Teams? Sprich ruhig und ohne Vorwurf. Beschreibe, was du beobachtest, und sage, dass du dir Sorgen machst. Vermeide Diskussionen über «richtig» und «falsch». Biete an, gemeinsam eine Fachperson zu suchen.
Wichtig: Wir geben hier keine Therapieanleitung. Wie eine Abklärung oder Behandlung abläuft, entscheiden Fachpersonen im Gespräch mit dir.
Warum ist das Thema im jungen Erwachsenenalter besonders heikel?
Zwischen 15 und 28 ändert sich viel. Viele ziehen aus, beginnen eine Lehre oder ein Studium und kochen zum ersten Mal selbst. Gleichzeitig bestimmen Budget und Zeit, was auf den Teller kommt. In dieser Phase bilden sich Gewohnheiten, die lange bleiben können.
Eine Übersichtsarbeit beschreibt Jugendliche als ernährungsmässig verletzliche Gruppe. Essstörungen seien bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen häufiger (Gkiouleka et al., 2022). Das ist ein Grund für Aufmerksamkeit, nicht für Alarm.
Auch das Umfeld zählt. Im Fitnessstudio, im Verein und in sozialen Netzwerken dreht sich vieles um Körper, Leistung und Essen. Die Meta-Analyse zu Sporttreibenden fand höhere Werte bei Menschen, die auf Leistung oder Körperzusammensetzung achten (López-Gil et al., 2023). Ob der Sport die Ursache ist oder Menschen mit strengen Regeln den Sport suchen, bleibt offen.
Für Trainerinnen, Trainer und Coaches heisst das: hinschauen, ohne zu diagnostizieren. Wer bei Kundinnen und Kunden starke Essregeln, Rückzug oder Erschöpfung bemerkt, spricht es respektvoll an und empfiehlt ärztliche Abklärung.
Wie bleibt gesundes Essen im Alltag entspannt?
Diese Ideen sind keine Behandlung. Sie beschreiben einen gelassenen Umgang mit Essen, der im Alltag von Schule, Lehre, Studium oder Job funktioniert.
- Plane Flexibilität ein. Eine Ernährung, die kein Abweichen verträgt, ist im Alltag schwer durchzuhalten.
- Iss auch mal bewusst ohne Regeln, zum Beispiel beim Znacht mit Freunden.
- Setze dir Ziele, die über Essen hinausgehen: Energie, Schlaf, Freude am Training, soziale Kontakte.
- Wähle Quellen mit Bedacht. Folge Kanälen, die einordnen statt verbieten.
- Halte Budget und Zeit im Blick. Gesunde Ernährung muss nicht teuer oder perfekt sein.
Mehr zu den Grundlagen einer ausgewogenen Ernährung findest du im Ratgeber Gesunde Ernährung. Dort geht es um Alltagswissen und nicht um strenge Vorgaben.
Das lernst du in der Ausbildung, und was Ernährungscoaching nicht kann
Wer sich beruflich mit Ernährung beschäftigt, trägt Verantwortung. Dazu gehört, eigene Grenzen zu kennen. Ernährungscoaching begleitet gesunde Menschen bei Alltag, Wissen und Gewohnheiten. Es ersetzt keine ärztliche Diagnose, keine Psychotherapie und keine Behandlung von Essstörungen. Bei Anzeichen für ein Problem verweist ein verantwortungsvoller Coach an Ärztin, Arzt oder Fachstelle.
Die Ernährungscoach-Ausbildung der SNF Academy führt in neun Modulen von biologischen Grundlagen über Makronährstoffe bis zum Ernährungscoaching und schliesst mit «dipl. Ernährungscoach SNFA» ab. Sie ist QualiCert-anerkannt und läuft zu 100 Prozent online. Du hast 365 Tage Zugang, wählst das Startdatum frei und lernst mit Videolektionen und Workbooks. Die erste Online-Prüfung ist inklusive, persönlicher Support ebenfalls.
In der Ausbildung zum Dipl. Ernährungscoach SNFA und zum Dipl. Personal Trainer SNFA erfahren Teilnehmende mehr über Ernährung und Nahrungsergänzung, Krafttraining, Trainingsplan, Regeneration und Fitness sowie über das sachliche Beraten gesunder Menschen im Alltag. Es geht um Wissen für Beratung und Training, nicht um Behandlung. Zur Personal-Trainer-Ausbildung kommst du über die eigene Seite, beide Wege zusammen bietet das Fitness Kombi Paket der SNF Academy.
Birol Isik hat die SNF Academy gegründet und bildet seit vielen Jahren Coaches aus. Mehr zu ihm findest du auf birolisik.ch. Daniela Isik ist Dozentin und Co-Leiterin. Ihre Arbeit siehst du auf danielalovric.ch. Für Sichtbarkeit und Auftritt als Coach unterstützt Onspire. Die Lernplattform für Teilnehmende ist snfa-campus.ch.
Eine kostenlose und unverbindliche Beratung zur Ausbildung bekommst du über die Kontaktseite der SNF Academy.
Was die Forschung nicht beantwortet
Die Studienlage zu Orthorexie ist jung und widersprüchlich. Es gibt keine einheitliche Definition und keine einheitlichen Diagnosekriterien. Die Fragebögen messen nicht zuverlässig. Zahlen unterscheiden sich je nach Instrument und Stichprobe stark.
Die meisten Studien sind Querschnittsstudien. Sie sagen nichts über Ursache und Wirkung und nichts über den Verlauf. Ausserdem stammen viele Daten aus Studierenden- und Sportgruppen, nicht aus der ganzen Bevölkerung. Für die Schweiz fehlen uns verlässliche Zahlen.
Zudem sind die Studien oft in Ländern mit anderen Essgewohnheiten entstanden. Was dort als auffällig gilt, kann in der Schweiz anders aussehen. Rechne also nicht damit, dass Zahlen aus einer Studie auf dein Umfeld passen. Nimm sie als Hinweis auf ein Thema, nicht als Massstab für dich.
Deshalb gilt: Dieser Artikel ordnet ein, er diagnostiziert nicht. Wenn du dir Sorgen machst, ist die persönliche Abklärung der richtige Weg.
Möchtest du mehr zur Ausbildung wissen? In einem Strategiegespräch klären wir unverbindlich deine Ziele und deinen Zeitrahmen. Die Ausbildungen laufen 100 Prozent online, du hast 365 Tage Zugang.
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information. Er ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung. Bei gesundheitlichen Fragen wendest du dich an deine Hausärztin oder deinen Hausarzt.











