Spirulina ist eine blaugrüne Mikroalge, die als Pulver oder Tablette verkauft wird. Hersteller bewerben sie mit Eiweiss, Vitaminen und «Entgiftung». In der Schweiz suchen jeden Monat tausende Menschen danach. Was aber zeigt die Forschung am Menschen? Wir haben sechs wissenschaftliche Arbeiten aus der Datenbank PubMed gelesen, durchwegs Meta-Analysen von randomisierten Studien. Für jede Aussage haben wir die Zusammenfassung der Arbeit gelesen. Was dort nicht steht, behaupten wir nicht.
Spirulina ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie sich ein Forschungsbild mit der Zeit verändert. Die ersten Meta-Analysen von 2016 und 2019 fanden grosse Effekte, die neuste von 2025 mit 35 Studien findet deutlich kleinere. Das ist kein Widerspruch, sondern ein Lehrstück über die Rolle der Studiengrösse.
Was wurde untersucht, und an wem?
Die gelesenen Meta-Analysen untersuchen Spirulina als Nahrungsergänzung in randomisierten Studien mit Placebo oder ohne Behandlung als Vergleich. Die Teilnehmenden sind sehr unterschiedlich: Menschen mit metabolischem Syndrom und verwandten Erkrankungen (Quelle 1), Menschen mit Übergewicht oder Adipositas (Quelle 2, Quelle 3) und Erwachsene allgemein (Quelle 4). Das ist wichtig, denn Effekte bei Menschen mit auffälligen Ausgangswerten lassen sich nicht ohne Weiteres auf Gesunde übertragen.
Körpergewicht und Taillenumfang
Zwei Meta-Analysen betrachten das Körpergewicht. Die erste wertete 5 Studien mit 7 Behandlungsgruppen aus. Spirulina war mit einem Gewichtsverlust von 1.56 Kilogramm verbunden, bei Menschen mit Adipositas mit 2.06 Kilogramm, bei Menschen mit Übergewicht mit 1.28 Kilogramm. Auch der Körperfettanteil sank (minus 1.02) sowie der Taillenumfang (minus 1.40), nicht aber der Body-Mass-Index (Quelle 2). Die zweite Meta-Analyse fand einen Gewichtsverlust von 1.85 Kilogramm und einen kleineren Taillenumfang (minus 1.09 Zentimeter). Beim BMI zeigte sich insgesamt kein Effekt, in Studien mit mindestens 12 Wochen Dauer dagegen schon (Quelle 3).
Die neuste Auswertung mit 35 Studien kommt auf einen Gewichtsverlust von 1.78 Kilogramm und einen tieferen BMI (minus 0.58 kg/m2). Für das Gewicht stuft sie die Sicherheit der Evidenz nach dem GRADE-System als hoch ein, was für ein Nahrungsergänzungsmittel eine gute Bewertung ist (Quelle 4). Ein Gewichtsverlust von rund 1.5 bis 2 Kilogramm ist aber für sich kein tragfähiges Abnehmkonzept. Es ist ein kleiner Beitrag im Rahmen von Ernährung und Bewegung.
Blutfette: grosse Unterschiede zwischen den Arbeiten
Hier fällt der Vergleich besonders auf. Die Meta-Analyse von 2016 mit 7 Studien fand für das Gesamtcholesterin eine Senkung um 46.76 mg/dl, für das LDL-Cholesterin um 41.32 mg/dl und für die Triglyceride um 44.23 mg/dl. Das HDL-Cholesterin stieg um 6.06 mg/dl (Quelle 5). Das sind sehr grosse Werte, die man sonst von Medikamenten kennt. Die Meta-Analyse bei Menschen mit metabolischem Syndrom von 2019 liegt tiefer: Gesamtcholesterin minus 20.50 mg/dl und LDL-Cholesterin minus 19.02 mg/dl (Quelle 1). Die neuste Auswertung mit 35 Studien nennt für das Gesamtcholesterin nur noch minus 11.5 mg/dl, für das LDL-Cholesterin minus 7.69 mg/dl und für die Triglyceride minus 14.75 mg/dl bei steigendem HDL-Cholesterin (plus 1.9 mg/dl) (Quelle 4).
Warum sinken die Werte, je mehr Studien einfliessen? Ein bekanntes Muster: Frühe, kleine Studien überschätzen Effekte häufig, weil kleine Untersuchungen zufällig grössere Ausschläge zeigen und positive Ergebnisse eher veröffentlicht werden. Mit mehr Daten nähert sich der Wert dem wahren, meist kleineren Effekt. Für Dich heisst das: Von den beeindruckenden Zahlen aus den frühen Arbeiten solltest Du nicht ausgehen. Die realistischere Zahl stammt aus der neusten, grössten Auswertung. Die Sicherheit der Evidenz für das LDL-Cholesterin wird dort allerdings als niedrig eingestuft (Quelle 4).
Die Arbeit von 2016 berichtet zudem, dass die Wirkung unabhängig von der Dosis war, dagegen mit der Dauer der Einnahme zusammenhing: Je länger Spirulina eingenommen wurde, desto stärker waren die Veränderungen bei Cholesterin und Triglyceriden (Quelle 5). Solche Zusammenhänge zwischen Studien lassen sich nicht ohne Weiteres auf eine einzelne Person übertragen.
Blutzucker, Blutdruck und Entzündung
Bei Menschen mit metabolischem Syndrom sank der Nüchternblutzucker mit Spirulina um 10.31 (Einheit nach Angaben der Studie) und das Insulin um 0.53 (Quelle 1). In der Auswertung mit 35 Studien lag die Senkung des Nüchternblutzuckers bei 5.51 mg/dl, der Insulinresistenzwert HOMA-IR sank um 0.68. Auch der Blutdruck sank (systolisch um 3.85 mmHg, diastolisch um 3.09 mmHg), und die Entzündungsmarker TNF-alpha, IL-6 und hs-CRP waren tiefer (Quelle 4). Allerdings stuft die Arbeit die Sicherheit der Evidenz bei LDL-Cholesterin, Nüchternblutzucker und HbA1c als niedrig ein (Quelle 4).
Eine eigene Meta-Analyse zu Entzündung und oxidativem Stress mit 11 Studien und 465 Teilnehmenden ergibt ein deutlich vorsichtigeres Bild. Beim Botenstoff IL-2 zeigte sich zunächst eine Zunahme, die nach einer Sensitivitätsanalyse nicht mehr statistisch gesichert war. Für IL-6 und einen Marker für oxidativen Stress (TBARS) fand sich ein knapper Rückgang. Auf TNF-alpha und Malondialdehyd (MDA) hatte Spirulina keinen Einfluss. Nur bei Teilnehmenden mit einem BMI unter 25 sanken IL-6 und TBARS deutlich (Quelle 6). Je nach Arbeit zeigt Spirulina bei den Entzündungswerten also unterschiedliche Muster.
So liest Du diese Studien richtig
Meta-Analysen verwenden Kennzahlen, die schnell abstrakt wirken. Der gewichtete Mittelwertunterschied (WMD) gibt die durchschnittliche Differenz zwischen Spirulina- und Vergleichsgruppe in der Einheit des Messwerts an, zum Beispiel Kilogramm oder mg/dl. Der standardisierte Mittelwertunterschied (SMD) rechnet verschiedene Skalen vergleichbar um. Das Konfidenzintervall zeigt den Bereich, in dem der wahre Wert vermutlich liegt: Schliesst es null ein, kann der Unterschied Zufall sein. Das war bei den Entzündungsmarkern TNF-alpha und MDA der Fall (Quelle 6).
Ein wichtiger Hinweis steckt auch in der Heterogenität (I2). Bei der Gewichts-Auswertung lag sie bei 82.4 Prozent (Quelle 3), und beim BMI sogar bei 92.9 Prozent. Das heisst: Die Studien widersprechen sich stark, und ein Durchschnitt bildet nicht ab, was bei einzelnen Menschen passiert. Eine ehrliche Aussage lautet deshalb nicht «Spirulina senkt das Gewicht um 1.85 Kilogramm», sondern «Im Durchschnitt mehrerer, sehr unterschiedlicher Studien lag das Gewicht in der Spirulina-Gruppe um 1.85 Kilogramm tiefer».
Für wen könnte Spirulina besonders interessant sein?
Die Meta-Analysen betrachten Untergruppen, die man als Hinweise lesen kann. Beim Körpergewicht war die Wirkung bei Menschen mit Adipositas (minus 2.06 Kilogramm) grösser als bei Menschen mit Übergewicht (minus 1.28 Kilogramm) (Quelle 2). Beim BMI zeigte sich der Effekt nur in Studien, die mindestens 12 Wochen dauerten (Quelle 3). Bei den Entzündungsmarkern IL-6 und TBARS sanken die Werte vor allem bei Teilnehmenden mit einem BMI unter 25 (Quelle 6). Und die Blutzucker- und Blutfettwerte wurden ausdrücklich bei Menschen mit metabolischem Syndrom und verwandten Erkrankungen untersucht (Quelle 1).
Aus dieser Mischung lässt sich keine einfache Regel ableiten. Die Untergruppen sind klein, und die Ergebnisse widersprechen sich teilweise: Bei den Entzündungsmarkern profitierten Schlankere stärker, beim Körpergewicht Menschen mit höherem Ausgangsgewicht. Das ist ein Grund mehr, einzelne Untergruppen-Ergebnisse nicht zu überinterpretieren. Wer sich für Spirulina interessiert, sollte vor allem die eigenen Ausgangswerte und die Dauer im Blick haben und die Anwendung mit der Ärztin oder dem Arzt besprechen, wenn Erkrankungen vorliegen.
Wie belastbar ist das alles? Die Grenzen der Evidenz
- Kleine, frühe Studien überschätzen. Der Vergleich der Arbeiten von 2016, 2019 und 2025 zeigt, wie sich die Effekte mit der Datenmenge verkleinern (Quelle 5, Quelle 1, Quelle 4).
- Uneinheitliche Ergebnisse. Bei der Entzündung widersprechen sich die Arbeiten teilweise (Quelle 4, Quelle 6).
- Unsicherheit der Evidenz. Selbst die neuste Auswertung bewertet mehrere Ergebnisse als niedrige oder moderate Evidenz (Quelle 4).
- Fehlende Angaben. Die Zusammenfassungen sagen nichts über Verträglichkeit, Nebenwirkungen, Qualität der Präparate oder Wechselwirkungen mit Medikamenten. Gerade bei Nahrungsergänzungsmitteln sind das wichtige Fragen, die vor einer Einnahme geklärt sein sollten.
Ein weiterer Punkt: Die Arbeiten untersuchen Spirulina als Ergänzung bei Menschen, deren Werte bereits auffällig waren. Ob Menschen mit normalen Blutwerten ebenfalls profitieren, ist aus den Abstracts nicht ableitbar.
Was heisst das für Deinen Alltag?
- Kein Wundermittel. Die Effekte sind klein bis mässig. Spirulina ersetzt weder Ernährung noch Bewegung noch Medikamente.
- Realistische Erwartungen. Orientiere Dich an den Zahlen der grössten Auswertung und nicht an den frühen Studien.
- Dauer einplanen. Einzelne Effekte, etwa auf den BMI, zeigten sich nur in Studien mit mindestens 12 Wochen Dauer (Quelle 3). Kurzfristige Erwartungen sind deshalb nicht realistisch, und wer schon nach wenigen Tagen Wunder erwartet, wird enttäuscht.
- Ärztliche Rücksprache. Bei Medikamenten, Erkrankungen, Schwangerschaft oder Allergien klärst Du die Einnahme vorher ab. Dazu liefern die Studien keine Angaben.
- Qualität prüfen. Nahrungsergänzungsmittel sind unterschiedlich zusammengesetzt. Die gelesenen Abstracts erlauben dazu keine Aussage, deshalb gilt: seriöse Hersteller, nachvollziehbare Angaben, keine übertriebenen Versprechen.
Was heisst das für Ernährungscoaches?
Spirulina eignet sich besonders gut, um Kundinnen und Kunden etwas Grundsätzliches über Studien beizubringen: Je mehr Daten, desto kleiner und realistischer werden Effekte. Wer das erklären kann, vermittelt Kompetenz und bewahrt Menschen vor überzogenen Erwartungen an Nahrungsergänzungsmittel. Hilfreich ist ein Satz wie: «Die ersten Studien zeigten viel, die grosse Auswertung mit 35 Studien zeigt deutlich weniger. Ich rate Dir zu den kleineren Zahlen.» Wichtig ist auch, dass Du Menschen nicht bevormundest: Wer Spirulina einnehmen möchte, soll wissen dürfen, was die Daten zeigen und was nicht, und kann dann selbst entscheiden. Dazu gehört auch die Information, dass viele Fragen, etwa zur langfristigen Sicherheit, in den gelesenen Arbeiten nicht beantwortet werden. Das ist der Kern einer guten, ehrlichen Beratung.
Wie man Studien kritisch liest und Menschen verständlich berät, lernst Du in unserer Ernährungscoach-Ausbildung. Und wenn Du noch abwägst, welcher Weg zu Dir passt, hilft Dir unsere Entscheidungshilfe zur Wahl der Ausbildung bei der Orientierung.
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Therapie. Bei gesundheitlichen Beschwerden wende Dich an eine Ärztin oder einen Arzt.











