Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel ist eine Bildungsressource für angehende und tätige Ernährungscoaches. Er gibt keine medizinischen Empfehlungen, keine Diagnosen, keine Therapieanweisungen. Die «chronische Übersäuerung des Körpers» ist ein in der Alternativmedizin verbreitetes, in der Schulmedizin jedoch nicht etabliertes Konzept. Eine klinisch relevante Übersäuerung des Blutes (Azidose) tritt bei gesunden Menschen praktisch nicht durch die Ernährung auf, sondern bei schweren Erkrankungen wie Niereninsuffizienz oder Diabetes-Entgleisungen und gehört in intensivmedizinische Behandlung. Bei gesundheitlichen Beschwerden ist die richtige Anlaufstelle der Hausarzt. Selbstmedikation mit Natriumbicarbonat (Natron) sollte nicht ohne ärztliche Absprache erfolgen – sie kann den Magen reizen, den Blutdruck beeinflussen und mit Medikamenten interagieren.
Säure-Basen-Haushalt: Was Ernährungscoaches wissen müssen – und wie sie verantwortungsvoll beraten
Das Thema Säure-Basen-Haushalt gehört zu den umstrittensten in der Ernährungsberatung. Auf der einen Seite steht die Schulmedizin mit klaren Fakten: Der Blut-pH ist eng reguliert, der Körper hat ausgeklügelte Puffersysteme, die Ernährung kann den Blut-pH bei gesunden Menschen praktisch nicht ändern. Auf der anderen Seite stehen alternativmedizinische Konzepte einer «chronischen latenten Übersäuerung», basische Ernährung, Basenpulver und Entsäuerungskuren – populär in Wellness und Naturheilkunde, aber wissenschaftlich nicht belegt.
Wer als Ernährungscoach arbeitet, begegnet beiden Welten. In einem Video-Beitrag erklärt Daniela Isik, Co-Leiterin und Dozentin der SNF Academy und Ernährungsexpertin, wie das Thema in der Ernährungscoach-Ausbildung praxisnah behandelt wird. Dieser Artikel ordnet die Aussagen wissenschaftlich ein, zeigt die schulmedizinische und die alternativmedizinische Perspektive und beschreibt, wie ein Coach mit dem Thema seriös umgehen kann.
Video ansehenauf YouTube ↗Video: Daniela Isik erklärt den Säure-Basen-Haushalt als Thema der Ernährungscoach-Ausbildung – der Artikel ordnet die Aussagen wissenschaftlich ein.
Wissenschaftliche Grundlagen: Wie funktioniert der Säure-Basen-Haushalt wirklich?
Kurzantwort: Der pH-Wert des menschlichen Blutes wird von mehreren ineinandergreifenden Puffersystemen, der Lunge (über CO₂-Abatmung) und den Nieren (über Bicarbonat-Regulation und Säureausscheidung) in einem extrem engen Bereich zwischen 7,35 und 7,45 gehalten. Schon kleine Abweichungen ausserhalb dieses Bereichs haben ernste medizinische Folgen – und treten bei gesunden Menschen praktisch nicht auf. Eine Ernährung allein kann den Blut-pH eines gesunden Menschen nicht klinisch relevant verändern.
Die drei Hauptregulations-Systeme des Körpers
| System | Reaktionszeit | Funktion |
|---|---|---|
| Puffersysteme im Blut (vor allem Kohlensäure-Bicarbonat) | Sekunden | Binden überschüssige Wasserstoffionen sofort |
| Lunge (CO₂-Abatmung) | Minuten | Atmet überschüssiges CO₂ aus (entspricht Kohlensäure) |
| Nieren (Säureausscheidung, Bicarbonat-Reabsorption) | Stunden bis Tage | Langfristige Regulation, scheidet Säuren über den Urin aus |
Wichtige Begriffsklärung:
- Azidämie = Übersäuerung des Blutes (Blut-pH unter 7,35) – selten und medizinisch ernst
- Azidose = Erhöhte Säurelast im Körper allgemein (medizinisch korrekt verwendet)
- «Chronische latente Übersäuerung» = alternativmedizinischer Begriff für eine angenommene, nicht messbare Säurebelastung des Bindegewebes – wissenschaftlich umstritten
Schulmedizin vs. Alternativmedizin: Zwei Perspektiven
Beim Säure-Basen-Thema unterscheiden sich Schulmedizin und Alternativmedizin in zentralen Punkten. Ein professioneller Ernährungscoach kennt beide Sichten und ordnet sie ehrlich ein.
| Aspekt | Schulmedizin / Evidenz | Alternativmedizin / Wellness |
|---|---|---|
| Blut-pH und Ernährung | Bei gesunden Menschen nicht klinisch relevant beeinflussbar | Ernährung «übersäuert» das Blut |
| Urin-pH | Variiert je nach Ernährung (3 bis 7+), kein Zeichen für Krankheit | Wird als «Übersäuerungs-Indikator» interpretiert |
| Kalziumverlust aus Knochen | Wissenschaftlich nicht eindeutig belegt; aktuelle Studien zeigen keinen klaren Zusammenhang | Gilt als Folge chronischer Übersäuerung |
| Basische Ernährung als Therapie | Keine therapeutische Wirkung bei gesunden Menschen nachgewiesen | Wird als Prävention und «Entsäuerung» empfohlen |
| Was beide gemeinsam haben | Beide empfehlen: viel Gemüse, viel Obst, wenig Zucker, wenig Alkohol, wenig ultra-verarbeitete Lebensmittel |
Interessanterweise: Die konkreten Ernährungsempfehlungen beider Sichten sind erstaunlich ähnlich – viel Gemüse, viel Obst, viele Vollkornprodukte, wenig Zucker, wenig Alkohol, wenig ultra-verarbeitete Lebensmittel. Sie entsprechen damit der Schweizer Lebensmittelpyramide der SGE. Der Unterschied liegt weniger in der Praxis als in der Erklärung. Für gesunde Klient:innen ergeben sich daraus ähnliche Empfehlungen – was die Diskussion in der Praxis oft entschärft.
Können Stress und Emotionen den Säure-Basen-Haushalt beeinflussen?
Kurzantwort: Akuter Stress führt zu physiologischen Veränderungen (Atmung, Herzfrequenz, Hormone), die kurzfristig den Säure-Basen-Haushalt geringfügig beeinflussen können – vor allem über Hyperventilation kann es zu einer respiratorischen Alkalose (basisch, nicht sauer) kommen. Die einfache Aussage «Stress übersäuert das Blut» ist wissenschaftlich nicht haltbar. Was stimmt: Chronischer Stress wirkt auf den ganzen Stoffwechsel – über Cortisol, Insulin, Schlafstörungen und Ernährungsverhalten. Das ist relevant, hat aber mit «Übersäuerung» nichts zu tun.
Was wirklich passiert bei Stress
- Akute Hyperventilation → mehr CO₂ wird abgeatmet → kurzfristig basischer Blut-pH (nicht saurer)
- Cortisol-Ausschüttung beeinflusst Glucose- und Fettstoffwechsel
- Schlechter Schlaf und ungesunde Essgewohnheiten verschärfen Stress-Effekte
- Langfristiger Stress kann zu Entzündungsprozessen, Bluthochdruck und Stoffwechselveränderungen beitragen
Das alles ist real und relevant – aber es entspricht nicht der Erzählung «Stress macht das Blut sauer». Eine seriöse Coach-Beratung benennt die echten Stress-Mechanismen, ohne wissenschaftlich nicht haltbare Vereinfachungen.
Wichtige Abgrenzung für Coaches: Bei chronischem Stress, anhaltender Angst oder Burnout-Beschwerden sind psychotherapeutische und ärztliche Fachpersonen die richtigen Anlaufstellen – nicht Ernährungscoaches. Anlaufstellen in der Schweiz: Dargebotene Hand (Tel. 143), Pro Mente Sana oder Hausarzt.
Natron (Natriumbicarbonat) als Selbstmedikation – was du wissen musst
WICHTIGER YMYL-HINWEIS: Die Einnahme von Natriumbicarbonat (Natron, Backsoda) auf eigene Faust ist nicht ohne Risiken. Sie kann:
- Den Blutdruck erhöhen (durch hohen Natriumgehalt – kritisch bei Hypertonie)
- Die Magensäure neutralisieren (kritisch bei wichtigen Verdauungsprozessen)
- Mit Medikamenten interagieren (z.B. mit Säureblockern, Antibiotika, blutdrucksenkenden Mitteln)
- Bei Nierenerkrankungen gefährlich sein
- Längere Einnahme: Mineralhaushalt stören
Ernährungscoaches sollten keine Natron-Selbstmedikation empfehlen. Wenn Klient:innen danach fragen, ist die richtige Antwort: «Sprich mit deinem Hausarzt darüber.»
Wie ein Ernährungscoach seriös zum Thema beraten kann
Was du als Ernährungscoach tun darfst
- Wissenschaftliche Grundlagen erklären (Puffersysteme, Lunge, Nieren)
- Den Unterschied zwischen schulmedizinischer und alternativmedizinischer Perspektive transparent darstellen
- Praxisnahe Ernährungsempfehlungen geben, die in beiden Konzepten als gesund gelten (viel Gemüse, viel Obst, weniger Zucker, weniger Alkohol, weniger Fertigprodukte)
- An die Schweizer Lebensmittelpyramide (SGE) orientieren
- Bei gesundheitlichen Beschwerden konsequent an Hausarzt/Internist verweisen
Was du NICHT tun solltest
- «Übersäuerung» als Diagnose stellen oder behaupten
- Natron-Selbstmedikation empfehlen
- Basenpulver oder Entsäuerungs-Kuren als therapeutisch verkaufen
- Vorgaukeln, dass Urin-pH-Tests etwas Aussagekräftiges über die Gesundheit zeigen
- Wissenschaftlich nicht belegte Wirkmechanismen als Fakten darstellen
- Klient:innen verunsichern, indem du ihnen «chronische Übersäuerung» einredest
- Bestehende ärztliche Behandlungen in Frage stellen
Professioneller Umgang mit kontroversen Konzepten: Ein:e gute:r Ernährungscoach kann ein Thema ernst nehmen, ohne wissenschaftlich nicht belegte Aussagen zu wiederholen. Wenn Klient:innen mit der Erwartung kommen, du würdest sie «entsäuern», ist die ehrliche Antwort: «Die Ernährungsempfehlungen, die bei deinen Zielen helfen, sind viel Gemüse, viel Obst, wenig Zucker – die kann ich dir mitgeben. Ob das nun ‹Entsäuerung› heisst oder einfach gesunde Schweizer Ernährung, ist eine Frage der Sprache.» Damit bleibst du wissenschaftlich seriös und gleichzeitig zugänglich für die Klient:innen.
Berufsabgrenzung: Coach, SVDE-Ernährungsberater:in, Arzt
| Berufsgruppe | Zuständigkeit bei Säure-Basen-Themen |
|---|---|
| Ernährungscoach | Aufklärung, allgemeine SGE-konforme Beratung, Lebensstil-Coaching für gesunde Personen |
| Ernährungsberater:in SVDE | Therapeutische Beratung bei diagnostizierten Erkrankungen, ärztlich verordnet (z.B. bei chronischer Niereninsuffizienz) |
| Hausarzt / Internist / Nephrologe | Diagnose und Behandlung tatsächlicher Säure-Basen-Störungen (z.B. metabolische Azidose, Alkalose). Tests via Blutgasanalyse |
Klinisch relevante Azidosen treten praktisch nur bei schweren Erkrankungen auf – Diabetes-Entgleisung, Niereninsuffizienz, schwere Lungenerkrankungen, Schock, Vergiftungen. Diese gehören in intensivmedizinische Behandlung, nicht in Ernährungscoaching.
Wie das Thema in der SNF Academy Ernährungscoach-Ausbildung behandelt wird
In der Ernährungscoach Ausbildung der SNF Academy wird das Thema Säure-Basen-Haushalt eingebettet in das Modul «Verdauung und Stoffwechsel» behandelt. Vermittelt werden:
- Wissenschaftliche Grundlagen der pH-Regulation (Puffersysteme, Lunge, Nieren)
- Unterschied zwischen schulmedizinischer Sicht und alternativmedizinischen Konzepten
- Praktische SGE-konforme Ernährungsempfehlungen
- Umgang mit Klient:innen, die mit Wellness-Konzepten kommen
- Klare Berufsabgrenzung zu ärztlichen Aufgaben
- Verantwortungsvoller Umgang mit nicht-evidenzbasierten Konzepten
Die Ausbildung folgt den offiziellen Schweizer Ernährungsempfehlungen (BAG, SGE, EEK) und legt Wert auf wissenschaftliche Seriosität – gerade bei kontroversen Themen.
Sinnvolle Fragen und Empfehlungen im Coach-Alltag
Wenn Klient:innen das Thema ansprechen
- «Was hast du genau gehört oder gelesen über Übersäuerung?» – verstehen, woher die Information kommt
- «Hast du körperliche Beschwerden, die du damit verbindest?» – Beschwerden ernst nehmen, aber an Arzt verweisen
- «Welche Veränderungen erhoffst du dir?» – die echten Ziele klären (mehr Energie, weniger Müdigkeit, Gewichtsabnahme)
Was du konkret empfehlen kannst
- Tägliche 5 Portionen Gemüse und Obst (SGE-Empfehlung)
- Vollkornprodukte statt Weissmehl
- Weniger Zucker, weniger Alkohol, weniger ultra-verarbeitete Lebensmittel
- Genug Wasser trinken (1.5–2 Liter/Tag)
- Ausreichend Schlaf, regelmässige Bewegung, Stressmanagement
- Bei anhaltenden Beschwerden: Hausarzt-Termin
Diese Empfehlungen entsprechen sowohl der Schweizer Lebensmittelpyramide als auch dem, was in alternativmedizinischen Konzepten als «basisch» gilt – der pragmatische Schnittpunkt.
Fazit: Ein Coach, der das Thema differenziert versteht, ist die seriöseste Beratung
Der Säure-Basen-Haushalt ist ein faszinierendes, real existierendes Regelsystem des Körpers. Die Wissenschaft beschreibt es präzise – und macht klar, dass der Körper hier praktisch alleine zurechtkommt, solange Lunge und Nieren funktionieren. Die alternativmedizinischen Konzepte einer «chronischen Übersäuerung» sind populär, aber wissenschaftlich nicht belegt.
Was bedeutet das für Ernährungscoaches? Wer beide Sichten kennt, ehrlich einordnen kann und die praktischen Ernährungsempfehlungen mitgibt (die ohnehin in beiden Konzepten übereinstimmen), berät professionell, seriös und respektvoll. Wer dagegen unhinterfragt Wellness-Behauptungen wiederholt, untergräbt die eigene Glaubwürdigkeit – und die der Branche. Ein guter Coach erkennt: Bei diesem Thema ist Klarheit wichtiger als Konsens mit Trends.
Die Ernährungscoach Ausbildung der SNF Academy ist QualiCert-geprüft und vermittelt wissenschaftlich fundiertes Wissen – auch bei kontroversen Themen wie Säure-Basen-Haushalt, Entsäuerung und Wellness-Trends.
Weiterführende Schweizer Authority-Quellen
- Bundesamt für Gesundheit (BAG) – offizielle Schweizer Gesundheitsbehörde
- Schweizerische Gesellschaft für Ernährung (SGE) – Lebensmittelpyramide und Empfehlungen
- Eidgenössische Ernährungskommission (EEK)
- Schweizerischer Verband der Ernährungsberater:innen (SVDE) – für therapeutische Ernährungsberatung bei Erkrankungen
Weiterführende SNF-Academy-Ressourcen
- Ernährungscoach Ausbildung – Hauptseite
- Immunsystem stärken – Ernährungscoach-Wissen
- Vitamin D3 in der Ernährungscoach-Ausbildung
- Darmgesundheit, Darmreinigung, Darmsanierung
- Ernährungscoach Ratgeber
- Ernährungscoach Karriere in der Schweiz
- Welche Ernährungs-Ausbildung passt zu mir? (Test)
- Selbstständig als Ernährungscoach
- Häufige Fragen zur EC-Ausbildung
Daniela Isik ist Co-Leiterin und Dozentin der SNF Academy und Ernährungsexpertin mit langjähriger Praxis-Erfahrung in der Vermittlung von Ernährungswissen für Coaches und Trainer. Sie verantwortet die fachlichen Inhalte der Ernährungscoach Ausbildung und hat in den vergangenen Jahren tausende angehende Coaches in der Schweiz und im DACH-Raum ausgebildet. Sie ist Coach, Trainerin und Bildungsentwicklerin – keine Ärztin oder Ernährungsberaterin SVDE. Medizinische Empfehlungen liegen ausserhalb ihres Kompetenzbereichs.
Mehr über ihre Arbeit für Coaches und Trainer beim digitalen Wissenstransfer: danielalovric.ch (Onlinekurse und YouTube-Aufbau für Coaches) sowie onspire.ch (Beratung zur Sichtbarkeit in KI-Suchen für Coaches, Trainer und Fitnessstudios).
Über die SNF Academy: Die SNF Academy (Swiss Nutrition & Fitness Academy) ist eine Schweizer Online-Akademie für Personal Trainer und Ernährungscoach Ausbildungen. Gegründet von Daniela Isik und Birol Isik. Die Hauptausbildungen sind QualiCert-geprüft und anerkannt. Inhalte folgen den offiziellen Schweizer Ernährungsempfehlungen (BAG, EEK, SGE).
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung.

















