Jede Kündigung hat eine Geschichte. Meist beginnt sie nicht beim Kündigungsschreiben, sondern Wochen früher, wenn ein Mitglied seltener kommt, sich nicht gesehen fühlt oder den Faden verliert. Für Studios ist es deshalb wertvoll zu verstehen, was in den ersten Monaten geschieht und was die Forschung dazu sagt.
Dieser Artikel fasst gelesene Studien aus Fitnessstudios zusammen, nennt ihre Grenzen und leitet daraus Strategien ab. Die Untersuchungen stammen aus Norwegen, Japan und Israel, nicht aus der Schweiz, und es sind überwiegend Beobachtungsstudien. Aussagen wie «so bleiben alle Mitglieder» wären unseriös. Ergänzend nutzen wir die Bevölkerungsstudie «Sport Schweiz 2026» des Schweizer Sportobservatoriums. Dieser Artikel ersetzt keine individuelle Beratung für dein Studio. Preise und Verdienstzahlen nennen wir nicht.
Wie viele Mitglieder hören wirklich auf?
Die Zahlen unterscheiden sich je nach Studie, Land und Definition. Eine Übersicht der gelesenen Untersuchungen:
| Studie | Stichprobe | Ergebnis zu Abbruch und Regelmässigkeit |
|---|---|---|
| Gjestvang et al. 2020, Scand J Med Sci Sports | 250 neue Mitglieder aus 25 Studios in Norwegen, ein Jahr Verlauf | Regelmässig trainierten nach 3, 6 und 12 Monaten 63,4, 59,6 und 57,2 Prozent; aufgehört hatten 20,1, 21,1 und 28,3 Prozent. Über den gesamten Zeitraum berichteten 37 Prozent regelmässiges Training |
| Gjestvang et al. 2021, Front Psychol | 250 neue Mitglieder, Untrainierte, ein Jahr Verlauf | Die Autoren schreiben, die Mehrheit der neuen Mitglieder erreiche kein regelmässiges Trainingsverhalten, und verweisen auf berichtete Besuchsraten von 10 bis 37 Prozent in den ersten Monaten |
| Gjestvang et al. 2023, J Sports Sci Med | 232 Mitglieder aus drei Studiotypen | Die Autoren geben an, dass Austritte und Trainingsabbrüche in den ersten sechs Monaten bei 40 bis 65 Prozent liegen |
| Kikuga et al. 2021, Nihon Koshu Eisei Zasshi | 2065 neue Mitglieder aus 17 Studios in Japan | Die Autoren schreiben, rund 40 Prozent der neuen Mitglieder hörten innerhalb der ersten sechs Monate auf |
Die Spannbreite zeigt: Es gibt keine einheitliche Zahl, aber alle Untersuchungen sehen die ersten Monate als kritisch. Für dein Studio ist die eigene Zahl entscheidend: Wie viele neue Mitglieder trainieren nach drei Monaten noch mindestens zweimal pro Woche?
Was unterscheidet Mitglieder, die dranbleiben?
Die norwegische Untersuchung von 2021 prüfte psychosoziale Faktoren bei 250 neuen Mitgliedern, die zuvor kaum trainiert hatten. Eine Regressionsanalyse zeigte, dass der stärkste Hinweis auf regelmässiges Training ein höheres Mass an Freude am Training war (Odds Ratio 1,84), gefolgt vom Gefühl, dranbleiben zu können (Selbstwirksamkeit, Odds Ratio 1,73) und von sozialer Unterstützung durch Freunde und Familie (Odds Ratio 1,16).
Dazu passt die Studie von 2020 mit denselben Autorinnen und Autoren: Regelmässig Trainierende bewerteten die Motive Freude und Herausforderung höher, etwa Ziele, auf die man hinarbeitet. Wer aufgehört hatte, nannte die Priorität als grösste Hürde, also dass das Training im Alltag keinen Platz bekam. Das häufigste Motiv über alle war positive Gesundheit sowie Kraft und Ausdauer.
Wichtig ist die Einordnung: Es sind Zusammenhänge, keine Beweise für Ursachen. Wer ohnehin gern trainiert, bewertet Freude höher. Trotzdem liefern die Ergebnisse brauchbare Ansatzpunkte.
Hängt es von den Fortschritten ab?
Eine weitere Studie derselben Gruppe begleitete 125 neue Mitglieder aus 25 Studios in Oslo. Nach drei Monaten hatten regelmässig Trainierende eine höhere maximale Sauerstoffaufnahme als Mitglieder, die aufgehört hatten. Die Kraft und die Körperzusammensetzung unterschieden sich nicht zwischen den Gruppen. Das Hauptmotiv für die Mitgliedschaft war mit 92,8 Prozent die Verbesserung der körperlichen Fitness.
Was heisst das für die Praxis? Fortschritte bei der Ausdauerfitness sind für Mitglieder erlebbar und ein Teil des Zusammenhangs mit Regelmässigkeit. Die Studie kann aber nicht sagen, ob Fortschritte zu mehr Regelmässigkeit führen oder umgekehrt. Sie zeigt auch, dass sich Muskelkraft und Körperzusammensetzung zwischen den Gruppen nicht unterschieden. Besser ist ein Mix aus Zielen, die Mitglieder wählen und selbst erleben können.
Welche Rolle spielen Gemeinschaft und Studiotyp?
Eine Querschnittsstudie von 2023 verglich Mitglieder aus Multipurpose-Studios, günstigen Fitness-only-Studios und Boutique-Studios mit ein bis zwei spezialisierten Konzepten. Boutique-Mitglieder waren jünger, trainierten mehr und berichteten höhere selbstbestimmte Motivation und mehr soziale Unterstützung. Die Autoren vermuten, dass Trainingsfreude und eine soziale Gemeinschaft, die «Philosophie» von Boutique-Studios, für regelmässiges Training wichtig sein könnten.
Die Studie ist ein Querschnitt: Sie zeigt Unterschiede zu einem Zeitpunkt und erlaubt keine Aussage, ob Boutique-Studios Mitglieder besser halten. Sie liefert aber Denkanstösse für jedes Studio: Wie spürbar ist die Gemeinschaft? Gibt es Gruppen, Kurse, Challenges, Rituale?
Helfen Erinnerungen und Nachrichten?
Eine kontrollierte Studie aus dem Jahr 2026 untersuchte Nachrichten über WhatsApp an neue Mitglieder in zwei Studios. 61 Personen nahmen teil, 27 in der Gruppe mit Nachrichten und 34 in der Kontrollgruppe. Die Nachrichten wurden drei Wochen lang versendet, der Besuch wurde zwölf Wochen lang über das Zutrittssystem erfasst. Die wöchentlichen Besuche nahmen im Verlauf deutlich ab, etwa um 7,1 Prozent pro Woche, und der Verlauf unterschied sich zwischen den Gruppen nicht signifikant.
Mit anderen Worten: In dieser kleinen Studie reichten kurze Nachrichten allein nicht aus, um den Rückgang zu bremsen. Mitglieder, die mindestens zweimal pro Woche kamen, berichteten allerdings eine stärkere Gewohnheit und höhere Selbstwirksamkeit. Nachrichten können also nur ein Baustein sein, nicht die Lösung. Die Ergebnisse sind wegen der kleinen Gruppen mit Vorsicht zu lesen.
Unterscheiden sich Mitglieder nach Alter und Geschlecht?
Die japanische Kohortenstudie mit 2065 Teilnehmenden fand in der Gesamtanalyse keine signifikanten Faktoren für den Austritt. In Untergruppen zeigten sich Muster: Bei Männern zwischen 40 und 59 Jahren, die körperliche Fitness als Vorteil sahen, war der Austritt etwas seltener. Bei Frauen zwischen 40 und 59 Jahren, die soziale Kontakte als Vorteil sahen, ebenfalls. Bei Frauen unter 40 mit hohem Unbehagen war der Austritt etwas häufiger. Die Autoren weisen auf Unterschiede nach Alter und Geschlecht hin, die bei Programmen für neue Mitglieder zu beachten sind.
Das passt zur Bevölkerungsstudie «Sport Schweiz 2026»: Sie zeigt, dass Männer und Frauen gleich häufig Mitglied sind, dass aber Alter, Einkommen, Sprachregion und Siedlungsart die Nutzung deutlich beeinflussen. Ein Studio sollte seine Mitglieder deshalb als verschiedene Gruppen mit eigenen Bedürfnissen verstehen.
Was erwarten Mitglieder in der Schweiz?
Die Studie «Sport Schweiz 2026» fragte Mitglieder nach dem wichtigsten Vorteil eines Fitnesscenters gegenüber anderen Sportangeboten: keine Verpflichtung bzw. mehr Ungebundenheit (19 Prozent), höhere Flexibilität (17 Prozent), bessere Öffnungszeiten und Verfügbarkeit (17 Prozent), besseres oder anderes Angebot (14 Prozent), bessere Infrastruktur (9 Prozent), bessere Betreuung und Beratung (8 Prozent) und bessere Erreichbarkeit (4 Prozent).
Zwei Schlüsse bieten sich an. Erstens: Freiheit und Flexibilität sind wichtig, ein Studio sollte sie nicht mit Druck beantworten. Zweitens: Betreuung und Beratung werden nur von wenigen als Hauptvorteil genannt. Das ist eine Chance für Studios, die hier besser sind, denn die Studien aus Norwegen verweisen auf Freude, Selbstwirksamkeit und Unterstützung als Hinweise auf Regelmässigkeit.
Welche Strategien lassen sich daraus ableiten?
Aus den Ergebnissen lassen sich Strategien ableiten, die plausibel, aber nicht bewiesen sind. Prüfe sie in deinem Studio mit eigenen Zahlen.
| Strategie | Begründung aus den Studien | Beispiel |
|---|---|---|
| Einführungsphase gestalten | Erste Monate sind kritisch (alle Studien) | Einführungstermin, Zwischengespräch nach vier bis sechs Wochen, Gespräch nach drei Monaten |
| Freude fördern | Freude war stärkster Hinweis auf Regelmässigkeit (2021) | Abwechslung im Plan, Übungen, die gefallen, Rückfragen zu dem, was Spass macht |
| Selbstwirksamkeit stärken | «Dranbleiben-Können» zeigte starken Zusammenhang | Kleine, erreichbare Wochenziele, Erfolgserlebnisse sichtbar machen |
| Soziale Unterstützung ermöglichen | Zusammenhang mit Regelmässigkeit; Boutique-Mitglieder berichteten mehr Unterstützung | Trainingspartner, Kleingruppen, Community-Anlässe |
| Priorität im Alltag klären | Aufgehörte nannten Priorität als grösste Hürde | Fester Termin im Kalender, flexible Slots, Kurzprogramm für stressige Wochen |
| Ziele abwechslungsreich messen | Ausdauerfitness hing mit Regelmässigkeit zusammen, Körpermasse nicht | Fitnesstests, Kraftzuwachs, Alltagsziele statt nur Gewicht |
| Zielgruppen differenzieren | Unterschiede nach Alter und Geschlecht (Japan) | Angebote für Neueinsteigerinnen, ab 40, Berufstätige |
Wie du Betreuung im Studio organisierst, zeigt der Beitrag Fitnessstudio: Prozesse optimieren und Zeit sparen. Wer Personal Training als zusätzliche Betreuung anbietet, findet Anregungen in Personal Training im Studio ausbauen.
Wie gestaltest du die ersten zwölf Wochen?
Die ersten Wochen entscheiden viel. Ein Beispielablauf, den du an dein Studio anpasst:
| Zeitpunkt | Massnahme | Ziel |
|---|---|---|
| Tag 1 bis 7 | Einführungstermin mit Zielgespräch, erster Plan, Geräteeinführung, Termin für Folgetermin | Sicherheit und Orientierung |
| Woche 2 | Persönliche Nachricht oder Kurzgespräch: Wie läuft es? Fragen? | Beziehung aufbauen |
| Woche 4 bis 6 | Zwischengespräch: Ziele prüfen, Plan anpassen, Freude besprechen | Motivation halten |
| Woche 8 | Einladung zu einer Gruppenstunde oder Challenge | Gemeinschaft erleben |
| Woche 12 | Standortbestimmung: Fortschritt zeigen, neue Ziele setzen | Perspektive schaffen |
Dokumentiere, wer wann welchen Schritt übernimmt, und prüfe monatlich, wie viele Mitglieder die Schritte erhalten haben. Das ist Teil der Prozessarbeit, die wir im Beitrag zu Abläufen beschreiben.
Wie erkennst du gefährdete Mitglieder früh?
Viele Studios erfassen Besuche über das Zutrittssystem. Daraus lässt sich ein Frühwarnsystem bauen. Die Studie mit Nachrichten von 2026 erfasste Besuche elektronisch und zeigte, dass die wöchentlichen Besuche im Verlauf abnahmen. Wer diesen Verlauf bei einzelnen Mitgliedern beobachtet, kann früh ansprechen.
- Mitglieder, die zwei Wochen nicht kamen, freundlich kontaktieren
- Mitglieder mit deutlich weniger Besuchen im Vergleich zum Vormonat ansprechen
- Nach Ursachen fragen, nicht nach Vorwürfen
- Hilfe anbieten: kürzeres Programm, anderer Zeitpunkt, anderer Partner
Achte auf Datenschutz: Besuchsdaten sind Personendaten. Informiere Mitglieder transparent, wofür du sie verwendest, und nutze sie nur für den Zweck der Betreuung.
Welche Rolle spielt das Team?
Alle genannten Strategien hängen von Menschen ab, die sie umsetzen. Trainerinnen und Trainer brauchen Gesprächsführung, Kenntnisse in Trainingsplanung und Motivation, Sicherheit im Umgang mit Einschränkungen und Wissen über Ernährung. Die SNF Academy bildet seit 2005 Fitness- und Ernährungsfachleute aus, die Abschlüsse sind von QualiCert geprüft. Studios, die ihr Team weiterbilden möchten, finden Informationen als Bildungspartner für Fitnessstudios.
Die Lernplattform snfa-campus.ch ermöglicht Weiterbildung im eigenen Tempo, auch im Schichtbetrieb. Und wer als Studio seine Sichtbarkeit und Bewertungen verbessern möchte, findet Anregungen im Beitrag Bewertungen für Fitnessstudios.
Wie unterstützen Beratung und Sichtbarkeit?
Mitglieder halten beginnt vor dem Vertrag: Wer die richtigen Menschen gewinnt, hat es später leichter. Eine klare Positionierung, ehrliche Kommunikation und eine passende Zielgruppe sind Teil davon. Für Strategie und Positionierung steht Birol Isik im Business-Coaching zur Verfügung, für Sichtbarkeit, SEO und KI-Antworten Onspire. Wer Videos nutzen möchte, um das Team und die Gemeinschaft zu zeigen, findet bei Daniela Isik eine Masterclass zu YouTube.
Welche Fehler vermeidest du besser?
- Nur auf Neukunden setzen und Bestandsmitglieder vergessen
- Kündigungen mit Druck oder komplizierten Wegen begegnen
- Alle Mitglieder gleich behandeln, obwohl Bedürfnisse verschieden sind
- Erfolg nur am Körpergewicht messen
- Nachrichten automatisiert und unpersönlich verschicken
- Ohne eigene Zahlen arbeiten und sich auf Durchschnittswerte verlassen
Kündigungen lassen sich nicht ganz vermeiden, und einige sind berechtigt. Ziel ist, dass Mitglieder gern bleiben und, wenn sie gehen, positiv über dein Studio sprechen.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.











