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Ingwer: Was Studien zu Übelkeit, Schmerzen, Blutdruck und Gewicht zeigen

Ingwer im Studiencheck: Was Meta-Analysen zu Übelkeit, Regelschmerzen, Blutdruck, Gewicht und Blutzucker zeigen, wo Evidenz stark ist und wo sie dünn bleibt.

  • 10 Min. Lesezeit
Tasse Ingwertee, frischer Ingwer und Zitronenscheiben, im Hintergrund eine Frau, mit Info-Karten zu Ingwer, Übelkeit und Studienlage
Kernaussage

Am besten belegt ist Ingwer gegen Übelkeit in der Schwangerschaft und gegen Schmerzen bei Arthrose.

Ingwer ist Gewürz, Tee und Hausmittel in einem. Er soll gegen Übelkeit helfen, Schmerzen lindern und den Stoffwechsel anregen. Kaum ein Lebensmittel ist so oft Gegenstand von Studien. Wir haben sechs wissenschaftliche Arbeiten aus der Datenbank PubMed gelesen, durchwegs Meta-Analysen und systematische Übersichtsarbeiten, darunter einen Umbrella Review, der 24 weitere Übersichten zusammenfasst. Für jede Aussage haben wir die Zusammenfassung der Arbeit gelesen. Was dort nicht steht, behaupten wir nicht.

Gleich vorweg: Die Forschung benutzt für Ingwer sehr unterschiedliche Formen, Dosen und Anwendungen. Das erschwert den Vergleich. Der Umbrella Review fordert ausdrücklich, dass künftige Studien mit ausreichender Stichprobengrösse und standardisierten Ingwerprodukten durchgeführt werden (Quelle 3).

Der Überblick: Wo die Evidenz am stärksten ist

Der Umbrella Review fasste 24 systematische Übersichten zusammen. Die stärkste Evidenz fand er für die Wirkung gegen Übelkeit bei schwangeren Frauen (grosser Effekt, hohe Sicherheit der Evidenz), für schmerzlindernde Effekte bei Arthrose (kleiner Effekt, hohe Sicherheit) und für die Blutzuckerkontrolle (Effekt von keiner bis sehr grosser Wirkung, Sicherheit von sehr niedrig bis moderat). Ausserdem hatte Ingwer einen statistisch gesicherten positiven Effekt auf Blutdruck, Gewichtsmanagement, Regelschmerzen, Übelkeit nach Operationen und Erbrechen unter Chemotherapie (mässig bis grosser Effekt, niedrige bis moderate Sicherheit) sowie auf die Blutfette (kleiner Effekt). Das Fazit: Der Verzehr von Ingwer erscheine sicher und könne günstig wirken, mit dem grössten Vertrauen bei Übelkeit in der Schwangerschaft, Arthroseschmerzen und Blutzucker (Quelle 3).

Übelkeit in der Schwangerschaft

Eine Meta-Analyse mit zwölf randomisierten Studien und 1'278 schwangeren Frauen fand, dass Ingwer die Übelkeit im Vergleich zu Placebo deutlich verbesserte (mittlerer Unterschied 1.20). Die Zahl der Erbrechensepisoden sank nicht signifikant, es zeigte sich nur ein Trend zur Besserung. Kleinere Tagesdosen unter 1'500 mg schienen bei Übelkeit eher zu überzeugen. Das Risiko für Fehlgeburten war unter Ingwer gegenüber Placebo nicht signifikant erhöht (relatives Risiko 3.14), allerdings mit einem sehr breiten Konfidenzintervall von 0.65 bis 15.11. Das heisst: Die Daten können ein Risiko weder sicher ausschliessen noch bestätigen. Auch bei anderen unerwünschten Ereignissen fand sich kein signifikantes Risiko. Die Autorinnen und Autoren sprechen von einer «harmlosen und möglicherweise wirksamen Alternative», bei begrenzter Zahl von Studien, uneinheitlichen Messungen und niedriger Qualität der Evidenz (Quelle 5).

Das ist eine wichtige Einschränkung. Schwangerschaftsübelkeit ist ein Thema, das ärztlich begleitet werden sollte, vor allem wenn das Erbrechen stark ist. Ob und in welcher Dosis Ingwer in der Schwangerschaft geeignet ist, entscheidet die Ärztin oder der Arzt gemeinsam mit der Schwangeren. Die Studie bietet dafür eine Informationsgrundlage, aber keine Anleitung. Schwangere sollten auch bei einem scheinbar harmlosen Hausmittel nicht allein entscheiden, sondern die Frage in der nächsten Kontrolle ansprechen.

Schmerzen: Regelschmerzen

Eine Meta-Analyse von 12 Studien fand, dass Ingwer die Intensität (SMD minus 1.13) und die Dauer der Schmerzen bei Regelschmerzen (primäre Dysmenorrhoe) stärker verringerte als Placebo. Zwischen Ingwer und entzündungshemmenden Schmerzmitteln (NSAR) oder Bewegung bestand bei der Schmerzintensität kein Unterschied. Sicherheitsdaten wurden nur selten berichtet, und die Autorinnen und Autoren verweisen auf Verzerrungsrisiken in den Studien und ein unklares Nutzen-Risiko-Verhältnis (Quelle 6).

Der Befund «gleich wirksam wie ein Schmerzmittel» klingt beeindruckend, ist aber vorsichtig zu lesen. Gleiche Wirkung in einer Meta-Analyse bedeutet nicht unbedingt, dass beide Mittel gleich gut sind. Es kann auch heissen, dass die Studien nicht empfindlich genug waren, einen Unterschied zu sehen. Bei starken Regelschmerzen ist ärztliche Abklärung wichtig.

Übelkeit bei Chemotherapie: wenig gesichert

Eine Übersicht mit 23 randomisierten Studien prüfte Ingwer gegen Übelkeit und Erbrechen unter Chemotherapie. Das Ergebnis ist ernüchternd: Bei akuter und verzögerter Übelkeit und bei verzögertem Erbrechen unterschied sich die Ingwergruppe nicht signifikant von der Kontrollgruppe. Beim akuten Erbrechen deutete eine Auswertung auf eine Verringerung hin (Odds Ratio 0.30). Die Autorinnen und Autoren konnten den Effekt auf Übelkeit und verzögertes Erbrechen nicht bestätigen und fordern grössere, hochwertige Studien (Quelle 4). Auffällig ist der Unterschied zum Umbrella Review, der für die Chemotherapie einen positiven Effekt nennt (Quelle 3). Wer in Chemotherapie ist, bespricht die Anwendung mit dem Behandlungsteam.

Blutdruck, Gewicht und Blutzucker

Eine Meta-Analyse mit sechs Studien und 345 Teilnehmenden fand, dass Ingwer-Ergänzung den systolischen Blutdruck um 6.36 mmHg und den diastolischen um 2.12 mmHg senkte. Die Unterschiede zwischen den Studien waren gross (I2 bis 89.8 Prozent), und signifikant waren die Senkungen nur bei Teilnehmenden bis 50 Jahre, bei Studiendauern bis 8 Wochen und bei Dosen ab 3 Gramm pro Tag. Die Autorinnen und Autoren halten weitere Studien für nötig (Quelle 1).

Bei Übergewicht und Adipositas wertete eine Meta-Analyse 14 Studien mit 473 Personen aus. Ingwer senkte Körpergewicht (SMD minus 0.66), Taille-Hüft-Verhältnis (minus 0.49), Nüchternblutzucker (minus 0.68) und den Insulinresistenzwert HOMA-IR (minus 1.67) und erhöhte das HDL-Cholesterin (0.40). Kein Effekt zeigte sich auf BMI, Insulin, Triglyceride sowie Gesamt- und LDL-Cholesterin (Quelle 2). Die Intervalle sind teils breit: Beim Körpergewicht reicht das Konfidenzintervall von minus 1.31 bis minus 0.01, also bis knapp an null (Quelle 2). Das heisst, der Effekt ist kaum gesichert.

So liest Du die Zahlen in diesen Studien

In Ingwer-Studien begegnest Du drei Zahlenarten. Der Mittelwertunterschied (MD) gibt eine Differenz in der Einheit des Messwerts an, etwa minus 6.36 mmHg beim Blutdruck (Quelle 1). Der standardisierte Mittelwertunterschied (SMD) macht verschiedene Skalen vergleichbar: Werte um 0.2 gelten als klein, um 0.5 als mittel, um 0.8 als gross. Ein SMD von minus 1.13 bei den Regelschmerzen (Quelle 6) ist demnach gross, ein SMD von minus 0.29 bei der Schmerzdauer klein. Das Odds Ratio (OR) von 0.30 beim akuten Erbrechen (Quelle 4) heisst, dass die Chance auf Erbrechen in der Ingwergruppe etwa 70 Prozent tiefer lag.

Wichtig ist auch hier die Heterogenität. Beim Schmerzeffekt lag sie bei 81 Prozent (Quelle 6), beim Blutdruck bei 90 Prozent (Quelle 1). Solche Werte sagen, dass die Studien stark voneinander abweichen und ein einzelner Mittelwert die Realität nur grob beschreibt. Das ist nicht ungewöhnlich bei Naturprodukten, bei denen Zubereitung und Dosis variieren.

Was die Studien nicht beantworten

Die gelesenen Arbeiten lassen viel offen. Sie sagen nichts darüber, ob frischer Ingwer, Pulver, Kapseln oder Tee gleich wirken. Sie machen kaum Angaben zu Nebenwirkungen im Alltag und zu Wechselwirkungen mit Medikamenten, zum Beispiel mit Blutverdünnern oder Blutdruckmitteln. Auch zur Langzeitanwendung über Monate und Jahre enthalten die Zusammenfassungen kaum Hinweise. Die Übersicht zur Gesamtlage erwähnt nur, dass eine Anwendung über bis zu drei Monate in einer Indikation konsistent als wirksam berichtet wurde (Quelle 3).

Dazu kommt, dass sich Dosierungen kaum vergleichen lassen. Bei Blutdruck sah man Effekte erst ab 3 Gramm pro Tag (Quelle 1), bei Schwangerschaftsübelkeit schienen Dosen unter 1'500 mg eher zu überzeugen (Quelle 5). Das sind zwei unterschiedliche Fragestellungen mit unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Eine «richtige» Ingwermenge für alle gibt es nach diesen Daten nicht. Wer Ingwer gezielt einsetzen möchte, lässt sich am besten individuell beraten.

Wie belastbar ist das alles? Die Grenzen der Evidenz

  • Uneinheitliche Produkte. Ingwer wird als Pulver, Kapsel, Tee oder Extrakt untersucht, in sehr verschiedenen Dosen (Quelle 3).
  • Niedrige Sicherheit der Evidenz. Für Schwangerschaftsübelkeit wird die Qualität als niedrig bezeichnet (Quelle 5), für viele andere Indikationen als niedrig bis moderat (Quelle 3).
  • Widersprüchliche Befunde. Bei der Übelkeit unter Chemotherapie unterscheiden sich Übersichten (Quelle 3, Quelle 4).
  • Hohe Unterschiede zwischen Studien. Bei Blutdruck und Schmerz lag die Heterogenität über 80 Prozent (Quelle 1, Quelle 6).
  • Wenig Sicherheitsdaten. Bei Regelschmerzen wurden Sicherheitsdaten selten berichtet (Quelle 6).

Was heisst das für Deinen Alltag?

  • Ingwer als Lebensmittel ist nach den Studien unbedenklich. Der Umbrella Review nennt den Verzehr «sicher» (Quelle 3). Bei Medikamenten oder Erkrankungen sprichst Du vorher mit der Ärztin oder dem Arzt.
  • Für Übelkeit und Regelschmerzen. Hier gibt es die besten Hinweise (Quelle 5, Quelle 6). Ersatz für ärztliche Abklärung ist Ingwer nicht.
  • Kein Stoffwechsel-Wunder. Gewicht, Blutdruck und Blutzucker veränderten sich leicht, aber nicht durchgehend (Quelle 1, Quelle 2).
  • Dosis nicht selbst steigern. Die Studien nennen sehr unterschiedliche Mengen, eine Empfehlung folgt nicht.

Was heisst das für Ernährungscoaches?

Ingwer zeigt, wie gross der Unterschied zwischen «Hausmittel mit Tradition» und «belegte Wirkung» sein kann. Gut belegt sind einige Indikationen, die meist mit medizinischer Begleitung verbunden sind, etwa Schwangerschaftsübelkeit oder Chemotherapie. Hier ist es besonders wichtig, dass Beratende nicht in die Rolle von Ärztinnen und Ärzten schlüpfen, sondern auf ärztliche Begleitung verweisen und die Studienlage ehrlich darstellen.

Diese Rollenklarheit lernst Du in unserer Ernährungscoach-Ausbildung. Und wenn Du noch abwägst, welcher Weg zu Dir passt, hilft Dir unsere Entscheidungshilfe zur Wahl der Ausbildung bei der Orientierung.

So ist dieser Artikel entstanden

Für diesen Artikel haben wir am 24. Oktober 2026 in der Datenbank PubMed nach Meta-Analysen und systematischen Übersichtsarbeiten gesucht (Suchbegriff im Titel: «ginger»). Aus den Treffern haben wir 6 Arbeiten ausgewählt, die Fragen zur Gesundheit beim Menschen beantworten, und ihre Zusammenfassungen vollständig gelesen. Jede Zahl im Text stammt aus diesen Zusammenfassungen und wurde mit dem jeweiligen Abstract abgeglichen. Tierstudien und Laborstudien haben wir nicht berücksichtigt. Die Volltexte der Arbeiten haben wir nicht ausgewertet. Einzelheiten, die nur dort stehen, können deshalb vom hier Beschriebenen abweichen. Falls Dir ein Fehler auffällt oder Du eine neuere Studie kennst, melde Dich gern über unsere Kontaktseite. Wir prüfen den Hinweis und passen den Artikel an.

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Therapie. Bei gesundheitlichen Beschwerden wende Dich an eine Ärztin oder einen Arzt.

Birol Isik, Gründer der SNF Academy
Über den Autor

Birol Isik

Birol Isik ist Schweizer Unternehmer, Mentor, Mindset Coach und Gründer der SNF Academy. Seine Schwerpunkte liegen unter anderem auf Coaching, Kommunikation, Selbstführung und beruflicher Entwicklung. Als Berater und Coach begleitet er Menschen seit 2005.

Zum Profil birolisik.ch

Häufige Fragen.

Die wichtigsten Antworten zum Beitrag, kurz und verständlich.

Hilft Ingwer gegen Übelkeit?

In der Schwangerschaft verbesserte Ingwer die Übelkeit im Vergleich zu Placebo, das Erbrechen nicht signifikant Quelle 5. Bei Chemotherapie fand eine Übersicht kaum gesicherte Effekte Quelle 4. Die Behandlung gehört in ärztliche Hände.

Ist Ingwer in der Schwangerschaft sicher?

In einer Meta-Analyse war das Risiko für Fehlgeburten nicht signifikant erhöht, bei sehr breitem Konfidenzintervall und niedriger Qualität der Evidenz Quelle 5. Ein Risiko lässt sich damit weder ausschliessen noch bestätigen. Die Anwendung in der Schwangerschaft besprichst Du mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt.

Hilft Ingwer bei Regelschmerzen?

In einer Meta-Analyse von 12 Studien verringerte Ingwer Intensität und Dauer der Schmerzen stärker als Placebo und war bei der Intensität ähnlich wie Schmerzmittel Quelle 6. Die Studien sind verzerrungsanfällig.

Senkt Ingwer den Blutdruck?

Eine Meta-Analyse mit sechs Studien fand eine Senkung um 6.36 mmHg (systolisch) und 2.12 mmHg (diastolisch), bei grosser Streuung zwischen den Studien Quelle 1.

Hilft Ingwer beim Abnehmen?

Bei Übergewicht sank das Körpergewicht in einer Meta-Analyse, der BMI nicht Quelle 2. Eine Abnehm-Strategie ist Ingwer nach diesen Daten nicht.

Welche Menge Ingwer ist sinnvoll?

Die Studien nutzen sehr unterschiedliche Mengen. Bei Schwangerschaftsübelkeit schienen tiefere Dosen unter 1'500 mg täglich eher zu überzeugen Quelle 5, beim Blutdruck zeigten sich Effekte erst ab 3 Gramm pro Tag Quelle 1. Eine Empfehlung folgt daraus nicht.

Quellen

  1. 1

    Hasani, Arab et al.: Does ginger supplementation lower blood pressure? A systematic review and meta-analysis of clinical trials. Phytotherapy research : PTR 2019 (PMID 30972845)

  2. 2

    Maharlouei, Tabrizi et al.: The effects of ginger intake on weight loss and metabolic profiles among overweight and obese subjects: A systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Critical reviews in food science and nutrition 2019 (PMID 29393665)

  3. 3

    Crichton, Davidson et al.: Orally consumed ginger and human health: an umbrella review. The American journal of clinical nutrition 2022 (PMID 35147170)

  4. 4

    Choi, Lee et al.: Effects of Ginger Intake on Chemotherapy-Induced Nausea and Vomiting: A Systematic Review of Randomized Clinical Trials. Nutrients 2022 (PMID 36501010)

  5. 5

    Viljoen, Visser et al.: A systematic review and meta-analysis of the effect and safety of ginger in the treatment of pregnancy-associated nausea and vomiting. Nutrition journal 2014 (PMID 24642205)

  6. 6

    Moshfeghinia, Salmanpour et al.: Ginger for Pain Management in Primary Dysmenorrhea: A Systematic Review and Meta-Analysis. Journal of integrative and complementary medicine 2024 (PMID 38770631)